Hier sind wir nun - in der ersten chilenischen Stadt ueberhaupt, die das Konzept Tourismus verstanden, wenn nicht gar perfektioniert hat. Und wir sind sehr froh, dass es uns erst in der Nachsaison hierher verschlagen hat ;-) Pucon besteht nahezu ausschliesslich aus vier Arten von Geschaeften: Restaurants, Hostals, Internet-Cafès und Anbietern von Trecking-Touren (Rafting, Vulkan-Touren, Reiten etc.). Und diese vier wechseln sich am Strassenrand munter ab, evtl. mal durchbrochen von einem Supermarkt oder - welch Freude fuer den inzwischen zotteligen Bjoern - einer Peluqueria (Friseur). Trotz dieser extrem touristischen Ausrichtung ist Pucon, gelegen an einem wunderschoenen See und umgeben von gleich mehreren Vulkanen, nicht uncharmant.
Unser Weg hierher war mehr von Zufall gepraegt, als einer tatsaechlichen Reiseroute gefolgt. Nachdem wir in Purto Montt die Carreterra endgueltig hinter uns gelassen haben, muessen wir uns nun wieder ganz neu orientieren. Dass es Richtung Norden geht, ist natuerlich soweit klar (schliesslich muessen wir Mitte Mai in Lima sein), aber ueber welche Wege (im Gegensatz zu Suedchile gibt es hier tatsaechlich nicht nur eine Option sondern immer gleich mehrere Alternativen - das sind wir nicht mehr gewoehnt) und wo Rad fahren, wo mal in den Bus, der sich auf der weiteren Strecke kaum vermeiden lassen wird, das ist nicht immer einfach zu entscheiden. All diese fuer uns neuen Entscheidungsfindungen haben dazu gefuehrt, dass wir von Pt. Montt aus erst am zweitgroessten See Chiles, dem Lago Llanquihue, entlanggefahren sind - immer in Richtung des Vulkan Osorno mit einem echten Bilderbuchkrater.
Angeblich einer der "perfektesten" Vulkane der Welt: der Osorno.Abends campen wir - gemeinsam mit unseren neuen hollaendischen Freunden Nicole und Ube in Ensenada direkt am See. Da dies einer der ersten Seen ist, den wir sehen, der nicht von einem oder gleich mehreren Gletschern gespeist wird, wagen wir einen Sprung hinein und finden erstmals Verwendung fuer unsere bis dato umsonst mitgeschleppten Badesachen ;-)) Schoen - v.a. wenn als Alternative ansonsten nur die nie wirklich schoenen Camping-Duschen zur Verfuegung stehen. Am naechsten Tag wollen wir weiter Richtung Norden, rund um den See und uns dann Richtung Tres Lagos orientieren. Hier machen uns unsere neu erworbenen Strassenkarten (der hier so beliebte "Touristel") einen Strich durch die Rechnung: Aufgrund der mal zweifelhaften, mal voellig falschen Angaben, landen wir statt in Tres Lagos am Ende des Tages in Puerto Octay, einem netten, ueberraschend wohlorganisiertem Oertchen, der wie viele hier, deutsche Wurzeln hat. Am naechsten Tag koennen wir entweder etliche Kilometer zurueckfahren, um doch noch nach Tres Lagos zu kommen, oder die naechste Stadt, Osorno, ansteuern. Wir entscheiden uns fuer letzteres - vor allem motiviert durch die Landschaft, die zwar schoen ist, uns aber zusehends an die niedersaechsische Pampa erinnert. Und die kennen wir einfach schon zur Genuege ;-))
Schon wieder zu Hause? Man meint gleich ein Schild "Stedingsmuehlen" zu sehen ;-))
Osorno erweist sich als recht grosses Staedtchen (ca. 150.000 Einwohner), in dem es ausser uns keinen einzigen Gringo zu geben scheint - und so stechen wir einigermassen aus der Masse heraus. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist Osorno uns recht sympathisch und wir bleiben zwei Tage (unter anderem Karfreitag, an dem hier die Kneipen ebensowenig geoeffnet haben wie in unserer schoenen katholischen Heimat - also gabs nur Bier im Hostal ;-)). Am Ostersamstag gehts weiter mit dem Bus, um wieder in landschaftlich spanndere Regionen vorzustossen. Am Busbahnhof treffen wir ueberraschend Nicole und Ube wieder, die wir zwei Tage vorher verloren hatten und die wir in Tres Lagos waehnten (dieser Ort scheint kein Glueck mit Touristen zu haben, keiner findet den Weg dorthin ;-)). Auch sie zieht es nach Pucon (die Gegend, die uns zu niedersaechsisch ist, erscheint ihnen viel zu hollaendisch ;-)). Eine ca. vierstuendige Busfahrt spaeter kommen wir bei strahlendem Wetter an und suchen uns einen schoenen Platz auf einem etwas heruntergekommenen Camping-Platz, der dafuer direkt am See liegt. Als erstes machen wir uns auf den Weg, um einen Anbieter zu finden, der uns Pucons groesste - und gleichzeitig hoechste - Attraktion, den Vulkan Villarica, naeher bringt. Das groesste Problem ist es hier, sich zwischen geschaetzten 30 Agenturen zu entscheiden, die alles in allem den gleichen Service bieten: Anfahrt zum Vulkan, Tour-Guide & Ausruestung bestehend aus Helm, Spitzhacke, Crampons (Steigteisen), Schuhe, Gamaschen & "Arschleder" (zu letzterem spaeter mehr).
Schon am naechsten Morgen, dem Ostersonntag, (wir haben Glueck, das Wetter ist uns hold... am Vortag musste wg. Wind abgebrochen werden) geht es um 7 Uhr frueh los. Ueber Pisten, neben denen die Carreterra wie eine gut ausgebaute Strasse anmutet, werden wir den Berg bis auf ca. 1.400 Meter hochgefahren. Hier gibt es einen Lift, der uns die weiteren 400 Meter hochfahren soll. Die Betonung liegt auf "soll", denn in Wirklichkeit ist die Anlage aus und wir machen uns zu Fuss auf den Weg.

Nach einem ordentlich Stueck Steigung, auf dem es bereits die ersten Verluste gibt (einer von zwei Israelis aus unserer Gruppe, der nach seinen drei Jahren Militaerdienst hierher kommt, faellt deutlich ab und kriegt von einem unserer beiden Guides weit hinter dem Rest eine Einzelfuehrung ;-)), beginnt der Gletscher und wir machen unsere Steigeisen startklar. Durch einen Eiskanal und ein anschliessendes Eisfeld bahnen wir uns unseren Weg nach oeben.


Der letzte Part Richtung Gipfel wird tatsaechlich noch steiler. Ueber lose Lavasteine, die sich alle Nase lang loesen und den Berg runterpoltern, klettern wir - nun wieder nur in Wanderschuhen - die letzten paar Hundert Meter hoch und erreichen schliesslich gegen 14 Uhr den Krater auf ueber 2.800 Metern Hoehe.
Kleine Pause am Hang, um von Crampons auf Schuhe umzusteigen.
Vor dem Krater - im Gegensatz zu einigen anderen Mitreisenden halten wir noch einen gewissen Sicherheitsabstand.
2.800 Meter sind ganz schoen hoch - bei dem phantastischen Wetter haben wir einen phaenomenalen Ausblick (u.a. auf 6 weitere Vulkane in der naeheren Umgebung).
Wenn man zwischendurch geneigt war, das Ganze fuer eine normale Bergwanderung zu halten, wird man nun deutlich daran erinnert, dass der Villarrica nicht nur ein Vulkan ist, sondern ein recht aktiver (idR bricht er alle 12 Jahre aus) noch dazu: Von tief unten aus dem Krater steigt nicht nur eine langgezogene Rauchwolke, auch ein lautes Donnern und Grollen weist darauf hin, dass hier im Untergrund alles andere als Ruhe herrscht. Unser Guide zeigt sich aber nicht im Geringsten beunruhigt, Rauch und Laerm seien normal, der Vulkan wuerde permanent beoachtet und man wuede schon einen Monat vor Ausbruch wissen, dass dieser bevorstehe. Worte, denen wir angesichts des erst kuerzlich ausgebrochenen Nachbarvulkans Llaima, der eine sehr kurzfristige Evakuierung notwendig machte, nur bedingt Glauben schenken. Aber was solls: der letzte Ausbruch des Villarrica war 1984. Damit ist er zwar ueberfaellig, wird sich aber die paar Tage unserer Anwesenheit sicher noch Zeit lassen (zugegebenermassen hat mich ein Alarm, der vor wenigen Minuten durch das Internet-Café droehnte, einigermassen beunruhigt - aber wir haben von unserem Platz aus direkten Blick auf die Vulkan-Aktivitaetsampel - und die strahlt in beruhigendem Gruen ;-)).
Und falls die Ampel doch mal auf Rot wechselt: Hier gehts lang.Der Rueckweg erweist sich freundlicherweise als deutlich weniger beschwerlich: Ueber das Gletschereis brauchen wir nun nicht mehr mit den Steigeisen zu kraxeln, sondern koennen hier mit dem umgeschnuertem Arschleder runterrodeln. Und auch das letzte Stueck geht schneller als gedacht. Durch tiefen und feinen Vulkansand geht es ebenso kniefreundlich wie schnell nach unten.
Erst noch zu Fuss nach unten...
und das auch recht steil....
dann einfach fallen lassen...
und am Schluss locker laufen lassen.
Nachdem wir uns nun gestern ein wenig ausgeruht haben, bereiten wir heute unsere naechste Tour vor. Gemeinsam mit Nicole und Ube wollen wir nun fuer einige Tage in einen nahe gelegenen Nationalpark, wo wir statt mit Rad nur mit Rucksack und Zelt durch die Gegend ziehen werden. Nachdem es heute ein wenig bewoelkt ist, verspricht uns Meteochile ab Donnerstag strahlenden Sonnenschein - genau das richtige Wetter fuer die zahlreichen Seen, die uns in dem Park erwarten. Danach gehts wieder hierher zurueck, um dann den weiteren Weg nach Norden zu planen.
Nach diesem ausfuehrlichen Bericht habe ich mir nun erstmal ein leckeres Stueck Kuchen verdient - das hier praktsicherweise sogar ebenfalls "Kuchen" heisst.
Buen provecho auch euch ;-))
Tina & Bjoern (letzterer nun wieder gewohnt kurzhaarig)