Da sind wir wieder. Zurueck in der Zivilisation: Was in diesem Fall ein kleines Dorf mitten im Nichts mit 3.000 Einwohnern bedeutet, fuer uns aber ein Riesensprung ist im Vergleich zu unserem Leben in der letzten Woche. Es ist sehr faszinierend, was fuer eine unglaubliche Anziehungskraft ein simpler Supermarkt haben kann, wenn man einige Tage "out in the bushes" im Zelt uebernachtet hat und zudem immer einen gestrengen Blick darauf richten musste, wie lange Wasser und Lebensmittel (bestehend aus Brot, Nudeln und Notfall-Schokolade ;-)) reichen. Und eine Dusche! Purer Luxus, nach den Abenden, in denen man sich in den naechsten Fluss stellt, um nach einem Tag auf dem Rad (und das sind harte Tage hier!) zumindest wieder halbwegs wiederhergestellt zu sein.
Aber erstmal von Anfang an: Unsere Grenzueberquerung zurueck nach Chile gestaltete sich schon mehr als abenteuerlich. Als wir nach einer zweistuendigen Busfahrt am Lago del Desierto ankommen (zu windig fuer das Rad), von wo aus die Faehre gehen soll, ist dort niemand, der uns Auskunft geben koennte, fuer wann diese das naechste Mal erwartet wird (Wartungsarbeiten am Steg hatten den normalen Fahrplan ausgehebelt). Aber wir haben Glueck, schon am naechsten Morgen kommt ein Boot, mit dem wir uebersetzen koennen. Auf der anderen Seite hatten wir auf Pferde gehofft, um das anstregende "Bordercrossing" nur mit den Raedern, aber ohne Gepaeck zu vollziehen. Nach drei Stunden warten ist klar: hier kommt kein Pferd mehr. Also Vordertaschen in den Rucksack, aufgeschnallt und dann die Raeder den mehr als schmalen und steilen Waldweg hochgezerrt. In etwa so:


Grosse Freude, als wir die Grenze erreichen, denn von da aus, so sagte man uns, sollten wir die Raeder wieder benutzen koennen - und tatsaechlich, es ist steil und steinig, aber es geht und wir fahren runter zum wunderschoenen, postkartenblauen Lago O´Higgins.

Hier zelten wir und warten auf die Faehre am naechsten Tag, die uns nach Villa O´Higgins bringt, einem Ort mit 300 Einwohnern und aeussert sparsam ausgestatteten Minimarkets. Wir goennen uns einen Tag Verschaufpause (Sachen waschen, einkaufen etc.). Und dann am letzten Montag endlich der Start auf der Carreterra Austral. Wahnsinn! Diese einsame, kaum befahrene (woher auch, in Villa O´Higgins endet die Strasse, hierher kommt man nur zu Fuss oder mit dem Rad ueber die Grenze... am Tag sieht man ca. 5-10 Autos) fuehrt durch eine unglaublich schoene Landschaft mit riesigen Seen, schroffen Bergen und Urwald. Der Weg selbst ist nicht asphaltiert - mal mehr, mal weniger und mal (gestern) gar nicht befahrbar. Unsere erste Etappe, mit einer Laenge von ca. 250 km, hat uns nun drei Tage gekostet: Jeden Tag 6-7 Stunden (netto!) auf den Raedern mit 800-1.000 zu bewaeltigenden Hoehenmetern. Dabei haben wir wahnsinniges Glueck, was das Wetter betrifft, denn Regen, der hier eigentlich ueblich ist, kann die Strasse fuer einige Zeit voellig unpassierbar machen. Und uns lacht nun schon seit 1,5 Wochen eine strahlende Sonne vom blauesten Himmel entgegen. Ohne Lichtschutzfaktor 50 waeren wir in der Zwischenseit voellig verbrutzelt (das weiss ich deswegen so genau, weil ich hier und da schon mal eine Stelle am Knie vergessen habe - unschoen).
1,5 Tage in Begleitung: Daniel aus Dresden ist mit uns auf Tour.

Lange Strasse, lang bergauf. Da es auf dieser Etappe ausser eine klitzekleinen Kiosk an einer Faehre sonst nichts ausser Natur gab, haben wir die zwei Naechte wild gecampt (und mussten dabei an einem Abend unsere Lagerstatt gegen eine sehr aufdringliche Kuh verteidigen - wie gut, dass man vom Land ist ;-)). Das fuehrte dann am zweiten Abend dazu, dass das Wasser knapp zu werden drohte. Am ersten Tag gab es noch reichlich Wasserfaelle direkt vom Gletscher, aus denen man sich sorglos bedienen konnte, aber bei normalen Fluessen ueberwiegt derzeit noch unsere Skepsis... So habe ich (Tina) mich denn gestern auf unserer Tour von einem Gaucho zu einer kleinen Farm fuehren lassen, die auch Camping anbietet und auf der wir Wasser und frisch zubereitete Tortas Fritas (Krapfen-artiges extrem fettig-leckres Gebaeck) kaufen konnten. Diese Staerkung konnten wir dann auch gut gebrauchen, denn die darauf folgende Strecke war mehr als anspruchsvoll: Erst rauf auf 520 Meter, dann immer wieder rauf, runter, rauf, runter - das war a) sehr gemein, weil man sich als Radfahrer die ganze Streigung lang damit aufrechthaelt, das man an die Abfahrt denkt - die dann manchmal einfach ausbleibt, und b) so gut wie unmoeglich zu fahren, weil der Untergrund von miserabel zu voellig unmoeglich wechselte: ein einziges Waschbrett und das Kilometer um Kilometer... (sogar auf steilen Abfahrten haben wir es dank des Gehuckels kaum ueber die 5 km/H geschafft). Als wir gestern Abend nach ueber 7 Stunden im Sattel (ich wiederhole, netto!) endlich in den Ort reinrollten (der tatsaechlich ueber asphaltierte Strassen verfuegt - ein unglaublicher Luxus derzeit) waren wir pure Erschoepfung. Das heisst: rein in den Supermarkt, Brot, Kekse und Cola, direkt aufgegessen, schnell Camping gesucht & Zelt aufgestellt und ab in ein "Restaurant" und weitergegessen (und ein paar kalte Cerveza getrunken ;-)) .
Heute heisst es nun fuer uns ausruhen, Vorraete aufstocken, waschen und - last but not least - essen (der Hunger hoert nach drei solchen Tagen gar nicht mehr auf). Und hoffen, dass uns das Wetter fuer die naechsten Tage gesonnen bleibt. Ab morgen gehts weiter Richtung Cohaique.
Das war nun also der erste Monat unserer Reise - die Zeit verfliegt! Noch zwei bis drei Wochen Richtung Norden auf der Carreterra, so rechnen wir. Und dann schauen, wie es weitergeht.
Eure Tina & euer Bjoern